16 Uhr 50 ab Paddington Christoph Heiden

Heiden liest „16 Uhr 50 ab Paddington“

Scherz Ausgabe 1967
Scherz Ausgabe 1967

Abends mit den Großeltern in der Wohnstube hockend, auf dem Tisch Kräutertee, Konfekt und Opas Lesebrille, während der Ofen glüht und Miss Marple in Begleitung von Mr. Stringer dunklen Familiengeheimnissen nachspürt. So und nicht anders habe ich meine ersten Erfahrungen mit Kriminalfilmen gemacht. Damals noch ein Kind hatte ich kaum ein Ohr für den britischen Humor oder das Bösartige unter der Fassade des englischen Wohlstands; mich begeisterte vielmehr die Mörderjagd, der Whodunit, auch wenn ich das nie so hätte benennen können. Miss Marple war mir durch die Verfilmungen mit Margarete Rutherford rasch vertraut, nur der Name der Autorin blieb mir unbekannt, bis ich auf dem Nachttisch meiner Mutter ein Taschenbuch aus dem Hause Scherz entdeckte – das Cover gehalten in Rot, Schwarz, Gelb, der Buchrücken schwarz mit weißen Streifen. Über dem Titel, vermutlich war es Nikotin oder Mördergarn, prangte in roten Lettern der Name Agatha Christie. Von diesen beiden Begegnungen waren es nur wenige Schritte in unsere Bahnhofbuchhandlung, wo ich in den großen Drehständern ein ganzes Sortiment dieser Scherz-Ausgaben fand …

Im deutschsprachigen Raum zählt 16 Uhr 50 ab Paddington neben Und dann gab’s keines mehr, Mord im Orient Express und Tod auf dem Nil zu den bekanntesten Werken der Autorin, wozu zweifelsohne auch die besagte Verfilmung beitrug und unvermindert beiträgt. Für mich ist 4.50 from Paddington, so der Originaltitel von Christies siebten Miss Marple Roman, trotz oder gerade wegen seiner Schwächen ein Lehrstück in Sachen Whodunit.

Atlantik Verlag Ausgabe 2018
Atlantik Verlag Ausgabe 2018

Schon die Eröffnungsszene ist legendär: Mrs. McGillicuddy beobachtet im Fenster eines vorbeifahrenden Zuges einen Mord. Ein Mann erdrosselt eine Frau, langsam und erbarmungslos. Trotzdem die Figuren bei Christie häufig jede tiefere Psychologie vermissen lassen, scheinen sie dennoch prägnant umrissen. Ihre Stärke sind überspitzte Charaktere, fern der Realität und in der Regel derart stereotyp gezeichnet, dass man in Großmutters Ohrensessel zu versinken glaubt. Auch wenn Mrs. McGillicuddy nebst der anderen Protagonistinnen besser ausgearbeitet ist als sämtliche Männer, bleibt sie das Klischee einer nervigen Augenzeugin: Ihre Reaktion auf den Mord wechselt zwischen Entsetzen und Empörung; im Grunde ein Charakter, dem man schon aus Prinzip keinen Glauben schenken mag. Für einen Whodunit bietet eine solche Figur allerdings einen akzeptablen Auftakt, denn Mrs. McGillicuddys Weg führt direkt zu ihrer Freundin Jane Marple, der sie überstürzt das Verbrechen schildert, um sich bald darauf vom Geschehen zu verabschieden. In diesen ersten Kapiteln stechen zwei Besonderheiten hervor: zum einen ist das Opfer anonym, ein Umstand, der in Christies Werk eher selten vorkommt, zum anderen schlittert Miss Marple hier nicht in ein Verbrechen hinein, sondern nimmt sich bewusst der Sache an.

Selbstverständlich schafft die Polizei keine Klarheit: weder war ein Leichnam gefunden, noch eine Frau (wie das beschriebene Opfer) in eine Klinik eingeliefert worden. Jane Marple, vermutlich Mitte achtzig und wohnhaft in dem Dörfchen St. Mary Mead, will sich damit jedoch nicht zufrieden geben. Sobald sie den Gleisabschnitt aufgespürt hat, von dem die Ermordete auf ein nahes Grundstück geschafft worden ist, vollzieht der Roman eine unerwartete Wendung. Agatha Christie (zur Zeit der Veröffentlichung 67jährig) bedauerte das hoher Alter ihrer Heldin, was sie nicht daran hinderte, den Umstand unermüdlich zu thematisieren. So untersagt Miss Marples Hausarzt seiner Patientin das Bücken und Knien, und laut eigener Aussage sind ihr Alter und körperliche Schwäche die größten Hemmschuhe. O-Ton Miss Marple: Ich bin zu alt für solche Abenteuer. Dieser Gebrechlichkeit begegnet die Autorin mit der gleichen Strategie, die Conan Doyle schon in Der Hund der Baskervilles dienlich war; doch wo Sherlock Holmes seinen Gefährten Dr. Watson aus reiner Berechnung auf ein fremdes Landgut entsendet, verlangt Miss Marples Handicap nach einer Assistentin: Lucy Eyelesbarrow, die wohl interessanteste Figur des Romans, betritt die Bühne.

Scherz Verlag Neuausgabe 2000
Scherz Verlag Neuausgabe 2000

Die 32jährige in London lebende Lucy Eyelesbarrow ist emanzipiert, überaus gebildet (hat Mathematik studiert) und offenherzig dem Geld zugetan. Statt eine akademische Laufbahn anzustreben, arbeitet sie als Haushälterin für wechselnde Hausstände. Sie besorgt sich auf Miss Marples Wunsch hin eine Anstellung auf Rutherford Hall, wo die alte Jungfer die Leiche der unbekannten Frau vermutet. Die Einfachheit, mit der Lucy den Job an Land zieht, fordert von uns eine gehörige Portion guten Willens; allein eine solche Bereitschaft schamlos vorauszusetzen, verdeutlicht entweder das enorme Ego der Queen of Crime oder schlichtweg eine Art royaler Ignoranz.

Im 4. Kapitel weicht die Welt einer gelangweilten Seniorin mit Gewächshaus und Gerechtigkeitssfimmel einem Landsitz mit weitläufigen Parks und Anlagen – Rutherford Hall, eine von Eisenbahngleisen umschlossene Insel. Bereits die Ankunft von Lucy Eyelesbarrow lässt die überlebten Charaktere der Eigentümer erahnen.

Lucy Eyelesbarrow fuhr in ihrem Kleinwagen durch die Flügel eines imposanten Eisentors. Gleich dahinter stand ein ehemaliges Pförtnerhäuschen, das inzwischen völlig verfallen war, aber es war schwer zu sagen, ob durch Kriegsschäden oder bloße Vernachlässigung. Eine lange, gewundene Auffahrt führte durch große düstere Rhododendrongruppen bis zum Haus. Lucy schnappte nach Luft, als sie das Haus sah …

Allein in diesem Abschnitt zeigt sich, wie sehr Agatha Christie ihr Handwerk beherrschte. Im ersten Satz begleiten wir die Heldin, während die nächsten zwei Sätze reine Beschreibung sind. Zunächst heißt es vom Pförtnerhäuschen, es sei völlig verfallen, um gleich darauf Kriegsschäden oder bloße Vernachlässigung als mögliche Gründe aufzuführen, und schon einen Satz später löst sich alles in Düsterkeit auf. Dieser Beschreibung folgt Lucy Eyelesbarrows Reaktion beim Anblick des Hauses, womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei unserer Heldin sind. Das Bedienen einer altmodischen Glocke beendet zwar nicht den Vorgeschmack auf Familie Crackenthorpe, festigt aber den bisherigen Eindruck. Verletzungen durch den 2. Weltkrieg werden eine Rolle spielen, zerplatzte Lebensträume und natürlich undurchsichtige Familienbande.

Bertelsmann Ausgabe 1973
Bertelsmann Ausgabe 1973

Kaum im Haushalt Crackenthorpe angekommen, beginnt Lucy Eyelesbarrow das Anwesen zu erkunden. Wunderbare Impressionen bezeugen Christies schlichte, aber auch raffinierte Technik: So entdeckt Lucy ruinöse Gewächshäuser und von Unkraut überwucherte Wege; offensichtlich wird hier nichts mehr gedeihen, alles scheint verloren und von ungesunden Trieben durchsetzt. Genau wie der Landsitz einem Anachronismus gleicht, so wirkt auch Familie Crackenthorpe aus der Zeit gefallen – der Hausherr und seine Söhne allesamt Parodien bar jeglicher Tiefe, die Tochter Emma Crackenthorpe hingegen altruistisch und nach Lucys Meinung frei von auffälligen Merkmalen. Neben diesen Gestalten treffen wir auf typische Randfiguren wie zum Beispiel einen redseligen Gärtner, einen vorwitzigen Neffen oder eine schrille Theaterschauspielerin.

Am Ende des 5. Kapitels verschafft sich Lucy Zugang zu einer alten Scheune mit einer wuchtigen nägelbeschlagenen Tür, deren Schlüssel unter Efeu verborgen ist. Erneut eine Beschreibung, die nichts anderes mitzuteilen scheint als: Hier einzutreten, wird Folgen haben. Im Innern erwarten Lucy dann auch Masken mit Glotzaugen und ein Sarkophag aus einer gräkoromanischen Verfallsepoche, daneben allerlei Gerümpel wie mottenzerfressende Autositze und ein Gartenstuhl, dem ein Bein fehlt. Es macht den Eindruck, als hätte uns Agatha Christie auf Lucy Füßen noch tiefer in die modrige Welt der Familie Crackenthorpe geführt. Von Neugier getrieben, öffnet sie schließlich den Sarkophag …

Von Agatha Christie wird behauptet, dass Häuser ihr mehr lagen als Menschen; obendrein schien sie keine Freundin psychologischer Tiefenbohrung gewesen zu sein (Doktor Quimper meint im Roman treffend, Psychologie sei schön und gut, wenn man sie den Psychologen überlässt.) Aber womöglich beschwören, gewollt oder ungewollt, ihre simplen Beschreibungen eindrucksvollere Seelenlandschaften herauf als Heerscharen drittklassiger psychologischer Thriller. Letztlich lässt sich darüber nur spekulieren – genau wie über Miss Marples Gedankengänge, die am Ende zur Ergreifung des Täters führen.

Wenn ein waschechter Whodunit zum Mörderraten einladen soll, dann erfüllt das 16 Uhr 50 ab Paddington mit Bravour. Agatha Christie präsentiert uns ein Panoptikum an Verdächtigen (inklusive falscher Spuren) und das alles auf begrenzten Raum, was das Rätseln noch reizvoller, noch spannender macht. Sir Alfred Hitchcock unterschied zwischen suspence und surprise, entweder wissen die Zuschauer:innen um die Existenz der Bombe oder sie werden von deren Knall erschreckt. Ein Whodunit nutzt im Finale meist den Moment der Überraschung, und sofern wir den Täter oder die Täterin nicht bereits erraten haben, werden wir von der ermittelnden Figur aufgeklärt. „Ich wäre dankbar, erklärte sie (Mrs. McGillicuddy), wenn mir jemand sagen könnte, was hier eigentlich los ist.“ Getreu den Regeln des Genres folgt Miss Marple der Aufforderung, nicht anders als es Hercule Poirot am Ende seiner Fälle zu tun pflegt.

Spoilerwarnung!

Leider ersann Agatha Christie ein solches Finale auch gern auf Kosten ihrer Leser:innen. So groß die Überraschung am Ende ist, so unmöglich scheint es wiederum, das Puzzle anhand eindeutiger Hinweise zu lösen. Das tut dem Lesespaß keinen Abbruch, denn suspence wird über weite Strecken geboten, trübt allerdings das Finale und hinterlässt daher einen schalen Beigeschmack. Miss Marples Anfangsverdacht entspringt allein ihrer Intuition, worauf sich (zumindest in ihrem Kopf) eins und eins zusammenfügt. Der Täter selbst verrät sich keinesfalls, nicht einmal durch Andeutungen, und bei genauerer Betrachtung zeigt er sogar Verhaltensweisen, die angesichts seiner Rolle nicht stimmig sind.

Spoilerende!

Verlag Buch und Welt
Verlag Buch und Welt

Das alles, sowohl die großen Pluspunkte als auch die kleine Defizite, lässt Omas Ohrensessel auch nach jahrzehntelangem Gebrauch bequem wirken. Dagegen hilft kein Argument von wegen durchgesessene Polster, fadenscheiniger Stoff, verblichene Farben. Ich greife alle paar Jahre wieder zu 16 Uhr 50 ab Paddington und sammle mittlerweile – der Nostalgie sei Dank – vergriffene Ausgaben als Staubfänger.