Heiden guckt „16 Uhr 50 ab Paddington“

Viermal ging Margarete Rutherford als Miss Marple auf Mörderjagd; viermal mit Mr Stringer an ihrer Seite, viermal in Schwarzweiß. 16 Uhr 50 ab Paddington, Der Wachsblumenstrauß, Vier Frauen und ein Mord und Mörder Ahoi! Das Quartett unter der Regie von George Pollock entstand in den Jahren 1961 bis 1964. In meiner Generation gibt es nur wenige Menschen, denen diese Filme völlig fremd sind. Ich selbst habe sie in meiner Kindheit gleich mehrfach gesehen, allein oder mit der Familie, und da ich den kniffligen Plots kaum folgen konnte, verschwammen die Geschichten für mich zu einem einzigen Abenteuer. Allein der Name Miss Marple versprach gruslige Begegnungen, düstere Landhäuser, verschrobene Familien und stets Robert Morley, der tatsächlich nur eine der Verfilmungen mit seiner wunderbaren Physiognomie beehrte.

Später, als ich Agatha Christies Romane entdeckte, wurden die Bilder detaillierter und die Stories untereinander unverwechselbar. Neben dem Landsitz der Familie Ackenthorpe gab es nämlich noch das Reiterhotel Gallop, eine Bühne samt zwielichtiger Schauspieler und das Schlachtschiff HMS Battledore. Mit jeder ausgestrahlten Wiederholung schälte sich aus dem groben Schwarzweißgemälde ein weiteres, farbenfrohes Detail und eines schönen Tages tauchte sie dann auf: die MAUER.

 

In 16 Uhr 50 ab Paddington wird die rüstige Seniorin Augenzeugin eines Mordes. Sie beobachtet von einem Zugabteil aus, wie ein Mann in einem vorbeifahrenden Zug eine Frau erdrosselt. Angespornt durch ihren Sinn für Gerechtigkeit und ihrer unstillbaren Neugier ermittelt Miss Marple den Ort, an dem der Mörder die Leiche „entsorgt“ oder in dem Fall aus dem Waggon geworfen hat. Direkt am Bahndamm grenzt eine Mauer, die das Grundstück der Familie Ackenthorpe vor neugierigen Blicken zu schützen versucht.

 

Im metaphorischen Sinn steht jede Heldin, jeder Held irgendwann vor der Wahl, entweder eine Mauer zu erklimmen oder den Rückzug anzutreten. Im Grunde wird dadurch die Entscheidung erzwungen, ob man sich auf das Abenteuer einlässt, ob man ausgerechnet dort Fragen aufwirft, wo Nachbohren unerwünscht ist, ob man die Warnungen der Liebsten, der Mitmenschen oder gar der ärgsten Feinde ignoriert. Kriminalliteratur lebt von dieser Mauer und bei professionellen Ermittler:innen gehört sie bestenfalls zum Berufsethos. Bei Miss Marple verhält es sich jedoch anders. Sie muss weder ermitteln, noch im Leben anderer herumschnüffeln und sich so ungeahnten Gefahren aussetzen. Miss Marple muss nicht – es sei denn, wir betrachten sie als Opfer ihrer eigenen Neugier.

Am Anfang von 16 Uhr 50 ab Paddington meint Mr Stringer dann auch: „Miss Marple, gehen wir lieber. Ich habe ein komisches Gefühl.“ Natürlich weiß jeder Marple-Fan, dass ein solcher Satz auf taube Ohren trifft. Mr Stringer ist in dieser Situation wohl die Stimme der Vernunft, eine Mahnung an alle Normalbürger:innen, sich vor kriminalistischen Abenteuern fernzuhalten. Nicht weniger deutlich appellieren auch Mauern an die Vernunft. Dahinter verbirgt sich etwas, das nicht für deine Augen bestimmt ist, eine Welt, die sich von deiner „normalen“ Welt abschirmt. Sei also vernünftig und kehre schleunigst um! Miss Marples Reaktion auf so eine Warnung lautet: „Ich möchte gern über die Mauer schauen. Könnten Sie mich hochheben?“

 

Daraufhin stellt sich Mr Stringer äußerst ungelenk und tölpelhaft an, was Miss Marples Nachdruck noch verstärkt. Mr Stringers Ungeschick scheint lediglich ein letzter Boykottversuch vonseiten der Vernunft, als würde ein Elternteil behaupten, die Flasche Cola ließe sich nicht öffnen, um das Kind am Trinken zu hindern.

Miss Marple ist jedoch kein unmündiges Kind.

Sie ignoriert nicht nur die personifizierte Vernunft, sie benutzt sie darüber hinaus für ihre eigenen Zwecke. Von Mr Stringer verlangt Miss Marple eine gebückte Haltung und einen Steigbügel, damit sie ins verbotene Land schauen kann. Auf der anderen Seite erspäht sie einen finster dreinschauenden Mann samt Hund. Was darauf folgt, macht aus einer guten Szene eine wirklich große: Noch ehe Mr Stringer einen Blick über die Mauer werfen kann, treten sie auf Geheiß von Miss Marple den Rückzug an. Manche Orte werden die ewig Vernünftigen anscheinend niemals zu sehen bekommen. Fortan muss sich Mr Stringer mit ihren Berichten zufrieden geben, was in der Reihe ein wiederkehrendes und obendrein spaßiges Element ist.

 

Natürlich sind das keine Gedanken, die mich während mein Kindheit beschäftigt haben. Ich glaube allerdings, dass jeder Zuschauer und jede Zuschauerin über einen intuitives Alarm für eine solche Mauer verfügt. Falls dieser Alarm eingerostet ist, fällt das nicht weiter ins Gewicht, denn in feinster 60er Jahre Manier klären uns die Stimme und das entsetzte Gesicht von Mr Stringer auf. Satz von Mr Stringer …. Plan. Gefahr … Eine Frage, die sich mir unlängst auftat: Erfüllt die Mauer überhaupt noch ihren Zweck beim mehrmaligen Sehen?

Ja, sage ich. Ja und wieder Ja.

 

Sobald Miss Marple durch das Haupttor die Mauer passiert, sind wir vor unseren Mattscheiben eingestimmt. Was früher einer Warnung gleichkam – Achtung, jetzt wird’s gefährlich für unsere Heldin -, ist nun eine Einladung zum wohligen Verweilen. Gute Filme zeichnen sich dadurch aus, dass das wiederholte Gucken sie nicht langweilig oder weniger interessant werden lässt. Lediglich das Gefühl, das wir beim Sehen empfinden, scheint sich zu verändern: Aus Anspannung kann Entspannung werden, aus Neugier eine bequeme Vertrautheit. Sobald Miss Marple vor dem alten Herrenhaus dem Taxi entsteigt, ertönt aus dem Hintergrund das Pfeifen des Zuges. Einst war dieses Signal für mich ein Zeichen der Bedrohung. In anderen Szenen, zum Beispiel bei ihrer nächtlichen Exkursion, wurde ich ebenso daran erinnert, dass es hier um einen grausamen Mord geht. Natürlich ist Miss Marple nicht hier, um die Familie Ackenthorpe zu bewirten. Das Pfeifen der Lokomotive fungiert als erhobener Zeigefinger und somit als Ersatz für den verantwortungsvollen Mr Stringer.

Heute verführen mich diese bedrohlichen Szenen zu Gemütlichkeit und Nostalgie. Genau dieses Wohlbehagen macht es mir wiederum möglich, andere interessante Bilder zu entdecken, vielleicht stärker auf das Schauspiel oder die Kulisse zu achten oder mich am Hintersinn einiger Dialoge zu erfreuen.

Spoilerwarnung!

Am Ende des Films erscheint die Mauer ein letztes Mal, allerdings verbleibt sie dezent im Hintergrund. Außerdem wird Miss Marple nicht von einem anonymen Taxi vom Anwesen der Ackenthorpes chauffiert, sondern von Mr. Stringer persönlich. Die Gefahr ist gebannt und ihr vernünftiger Gefährte wagt sich in das verbotene Land. Die Mauer wirkt nun nicht mehr bedrohlich, dient ebenso wenig als Warnung und anstelle der Zugpfeife hören wir das Scheppern von Konservendosen, die ein vorwitziger Junge an die Stoßstange von Mr Stringers Autos befestigt hat.

Spoilerende!

 

Jedes der vier Abenteuer besticht durch einen eigenen Charme. Gewiss lässt sich beobachten, dass die Dramatik zugunsten des Humors abbaut und dieser Humor heute teilweise verstaubt anmutet. Aus der Reihe ist 16 Uhr 50 ab Paddington wohl der geradlinigste Film; sämtliche Merkmale, die das Quartett auszeichnen, sind hier bereits voll entwickelt. Kurzum: Der Film bleibt auch fernab von Spannung und Rätselspaß ein lieb gewonnenes Kleidod in der Krimilandschaft.