Heiden liest „Der Wachsblumenstrauß“ Part 1

Das Willow Tree

Agatha Christies Werk bietet ein ganzes Telefonbuch erinnerungswürdiger Gestalten, und damit meine ich Schöpfungen fernab von Hercule Poirot, Jane Marple oder Arthur Hastings. So schwer ihre berühmten Charaktere mitunter greifbar sind, so wunderbar präsentiert Christie ihre anderen Figuren – die Bediensteten, die Verwandten der Opfer, die Zeugen und Zeuginnen, die Kommissare, mal ignorant, mal übereifrig, und nicht zuletzt die Täter und Täterinnen. Über die Jahre hinweg hat sich mein Blick auf diese Figuren stark verändert. Früher beklagte ich gern deren Überzeichnung, heute finde ich ausgerechnet daran Gefallen.

In diesem Artikel möchte ich eine meiner Lieblingsfiguren näher beleuchten; leider funktioniert das nicht, ohne die Auflösung des Romans zu verraten. Die Rede ist von Der Wachsblumenstrauß und Miss Gilchrist – Haushälterin des Mordopfers, Überlebende eines Attentats und heimtückische Mörderin.

Der Roman wurde in Großbritannien 1953 unter dem Titel After the Funeral veröffentlicht und spielt in der tristen Gegenwart der Nachkriegsjahre. Besagte Miss Gilchrist arbeitet als Gesellschafterin für Cora Lansquenet, deren Bruder gerade verschieden ist. Gemeinsam bewohnen die Frauen ein Cottage in Lytchett St. Mary, ein Haus an einer einsamen Straße am Rande eines Parks.

Der Wachsblumenstrauß
Verfilmung „Der Wachsblumenstrauß“, 1963

Die Zimmer sind überladen mit schmutzigen Ölbildern, und selbst auf der Fensterbank stapeln sich Gemälde. Die Luft ist geschwängert vom Geruch der Farben. Unmengen dieser Bilder hat Cora auf Trödelmärkten erworben, stets getrieben von der Hoffnung, ein kostbares Gemälde in die Finger zu bekommen.

Cora Lansquenet wird als Mensch mit forschem Temperament und loser Zunge beschrieben. Um Konventionen schert sich die Frau kaum. Miss Gilchrist, die Cora bekocht und deren Haushalt führt, präsentiert sich als glattes Gegenteil: Eine magere, verwelkte Frau mit eisengrauen Haaren und einem unscheinbaren Gesicht. Sowohl ihre Gestalt als auch ihr Wesen lassen sie fast schon unsichtbar wirken. Ungeachtet dieser Unterschiede heißt es, Cora und Miss Gilchrist hätten einander gut verstanden; niemals sei Miss Gilchrist wie eine Bedienstete behandelt worden. Was beide Frauen verbindet, ist die Begeisterung für die Malerei. So hängen im Cottage neben den Werken von Miss Gilchrists Vater auch die von Coras verstorbenen Gatten und in der Stube der Hausdame sogar Coras selbstgemalte Postkartenmotive.

Aber dieses traute Zusammensein findet ein bitteres Ende: Am Tag nach der Beerdigung ihres Bruders wird Cora Lansquenet tot in ihrem Bett aufgefunden. Ohne Zweifel ermordet. Das Verbrechen zeugt von äußerster Brutalität; laut Inspektor Morton hat der Täter mit einer Axt auf den Körper eingeschlagen. „Alle Anzeichen sprechen dafür, dass sie auf der Seite lag und friedlich schlief, als sie überfallen wurde.“ Für Christies Verhältnisse erstaunt die detaillierte Beschreibung des Opfers; so heißt es bei der Leichenschau, dass Coras mit Henna gefärbte Ponyfransen blutverklebt waren.

Der Wachsblumenstrauß
Verfilmung „Der Wachsblumenstrauß“, 1963

Recht früh äußert der Inspektor einen Verdacht: „Natürlich kann es auch die Gilchrist gewesen sein. Zwei Frauen, die in einem Haus zusammenleben …“ Miss Gilchrist lenkt jedoch auf geniale Weise das Misstrauen auf die Familie des Mordopfers. Zuvor streute sie in Verkleidung als Cora Lansquenet das Gerücht einer Bluttat, danach spielte sie die Rolle eines weiteren Opfers. Selbst Hercule Poirot äußert die Befürchtung, das Leben der Hausdame könne in Gefahr sein, eine Sorge, die sich nur kurze Zeit später bewahrheitet.

Diese Verwandlung einer Tatverdächtigen in eine schutzbedürftige Person beeindruckt mich als Leser und Autor gleichermaßen. Aber wie hat sie das vollbracht, unsere Miss Gilchrist?

Zunächst markiert sie die Betroffene, nennt die ermordete Cora voller Wehmut „die Arme“ oder „die arme Seele“. Ihr harmloses Erscheinungsbild schürt den Eindruck, dieses Mitgefühl nicht anzweifeln zu müssen. Rasch wird sie von Teilen der Familie zu einem Opfer stilisiert. Die gute Miss Gilchrist muss in diesem unglückseligen Cottage nächtigen. Allein. Ungeschützt. Ohne finanzielle Absicherung. Obendrein inszeniert sie sich als selbstlose Gastgeberin, was den Anschein der Aufopferung verstärkt. Miss Gilchrist serviert Tee und süße Brötchen, die sie extra für ihren Besuch buk. „Der Geist des Willow Tree hing in der Luft“, heißt es im neunten Kapitel. „Es war nicht zu übersehen, dass Miss Gilchrist in ihrem Element war.“

In solch behaglichen Momenten scheint Miss Gilchrist ihre Rolle abzustreifen. Allein bei der Erwähnung des Willow Tree beginnt sie zu strahlen. Köstlicher Kuchen war dort auf Geschirr mit blauen Weidenmuster serviert worden. Durchweg ein reizender Salon. Der Anwalt der Familie glaubt, dass das Geschäft ein spirituelles Zuhause für Miss Gilchrist gewesen sein muss; seines Erachtens leben viele solcher Miss Gilchrists in England. Ach, äußert sie selbst, ihren Teesalon habe sie geliebt. Auf ihrer Kommode bezeugt eine verblichene Fotografie den einstigen Traum.

Denn ihr spirituelles Zuhause existiert nicht mehr.  Die Lebensmittelknappheit während des Krieges führte den Ruin des Salons herbei. Nach dem Krieg hatte sie das Geld, das sie ins Geschäft gesteckt hatte, endgültig verbraucht. Laut ihren Worten war der Salon ein „Kriegsopfer.“ Ohne Ausbildung war sie dazu gezwungen worden, andere Jobs anzunehmen, beispielsweise im Büro und letztlich als Hausdame bei Cora Lansquenet. Was sie während der Luftangriffe auf London hatte erleben müssen, bleibt unerwähnt. Dafür gibt sie freimütig das Schicksal einer Bekannten wieder: „Sie ging gerade die Tottenham Court Road lang, da ist ihr ein Ziegel auf den Kopf gefallen … und sie hat nichts gespürt … Sie konnte es nicht fassen, als sie im Krankenhaus aufgewacht ist.“ Trotz der Tragik klingt Miss Gilchrists Geschichte in den Ohren ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer belanglos, vielleicht sogar alltäglich. Niemand macht sich die Mühe, darauf einzugehen.

Agatha Christie Autobiografie
Agatha Christie „Die Autobiographie“, Atlantik Verlag

In Agatha Christies Autobiografie heißt es: „Zerbrochene Fenster, Bomben, später auch V-Waffen und Raketen, nach drei Jahren Krieg gehörte das dazu und war nichts Außergewöhnliches  – ein Teil des Alltags. Man konnte sich keine Zeit mehr vorstellen, da es keinen Krieg mehr geben würde …“

In einer vorschnellen Assoziation ließe sich Miss Gilchrists Verlust des Willow Tree mit Christies Verlust von Greenway House vergleichen. Im dritten Kriegsjahr war keines ihrer Häuser für sie mehr verfügbar. Das amerikanische Militär hatte Greenway House (Handlungsort von Wiedersehen mit Mrs. Oliver) beschlagnahmt. „Als ich Greenway den Rücken kehrte“, schrieb sie in ihrer Autobiografie, „zweifelte ich nicht daran, dass es von einer Bombe getroffen werden und ich es nie wieder sehen würde …“

Zu ihrem Glück erfüllte sich die Befürchtung nicht. Als sie auf das Anwesen zurückkehrte, zeigte es sich in verblichener Pracht, immerhin. Wenn das Willow Tree die spirituelle Heimat für Miss Gilchrist war, so lässt es sich wohl eher mit Agatha Christies literarischer Leidenschaft assoziieren.

„Anders als meine Kollegen hatte ich nie Schwierigkeiten während des Krieges zu schreiben“, urteilte die Autorin rückblickend. „Ich kapselte mich ab. Ich konnte mit den Menschen leben, über die ich schrieb …“ Agatha Christie hatte ihre spirituelle Heimat von der Grafschaft Devon in eine Londoner Wohnung retten können, wo sie weiterhin Romane verfasste. Das bedeutet mitnichten, dass sie in dieser Zeit angstfrei lebte. Im Gegenteil: Die Furcht, diesen Krieg nicht zu überstehen, ließ sie zwei Werke in einem Banktresor deponieren. Vorhang, ein Poirot-Roman, den sie ihrer Tochter widmete, erschien vier Monate vor ihrem Tod und kein Jahr darauf die ihrem Mann gewidmete Miss Marple Geschichte Ruhe unsanft.

Unsere Miss Gilchrist hatte zwar das Willow Tree verloren, sobald sich ihr aber die Chance bot, den Traum erneut zu verwirklichen, schlug sie zu. Kompromisslos. Listig und brutal. (Part 2)