Heiden liest „Der Wachsblumenstrauß“ Part 2

Das Palm Tree

In diesem zweiten Teil widmte ich mich einer besonderen Figur aus Agatha Christies Kriminalroman Der Wachsblumenstrauß. Nicht anders als Part 1 ist auch dieser Beitrag ein einziger Spoiler. Meine Aufmerksamkeit gilt nämlich der bedauernswerten Miss Gilchrist – Hausdame des Mordopfers, Überlebende eines Attentats und Mörderin in einer Person.

Wie ich bereits im ersten Teil erläuterte, nahm Miss Gilchrist die Rolle eines Opfers, einer Geschädigten ein. Die Frau, bei der sie als Gesellschafterin angestellt war, ist auf grausame Weise ermordet worden, wodurch ihr eigenes Leben ebenfalls eine traurige Wendung nimmt.

Nicht ohne Pathos erzählt Miss Gilchrist von ihrem Kummer, keine Anstellung als Hausdame mehr zu finden. Ihr Ruf sei nun geschädigt. „Ein Mord, der in allen Zeitungen stand und von dem jeder gelesen hat“, klagt sie. In diesen Kummer streut sie das Offensichtliche, um es dadurch weniger wahrscheinlich zu machen: „Die Leute denken vielleicht: Zwei Frauen leben zusammen, eine von ihnen wird umgebracht – womöglich war es die Hausdame.“ Würde eine eiskalte Mörderin sich selbst in den Kreis der Verdächtigen einreihen? Wohl kaum.

Und der alte Trick funktioniert bestens.

Miss Gilchrist zur Schau gestellte Mutlosigkeit verursacht in der Nichte des Mordopfers so starke Schamgefühle, dass sie ihr eine Stelle bei ihrem Onkel anbietet. Um auch den Rest der Welt von ihrer Unschuld zu überzeugen, vergiftet sich die Täterin selbst. Der Fall scheint eindeutig: In dem Kuchen, den sie von einem unbekannten Absender erhalten hatte, war Arsen gewesen. Natürlich bekräftigt die im Krankenhaus liegende Miss Gilchrist: „Das sei unmöglich, niemand würde ihr so etwas antun.“

Der Wachsblumenstrauß
Verfilmung „Der Wachsblumenstrauß“, 1963

Nach ihrer Genesung treibt sie dieses Doppelspiel voran und fingiert eine psychische Krise. Den neuen Arbeitgebern teilt sie mit, dass sie nur ungern in dem Cottage schläft, schließlich sei dort ein Mord geschehen. Vermutlich leide sie unter einer verzögerten Schockreaktion, erklärt ihre Arbeitgeberin nachsichtig. Fortan nächtigt Miss Gilchrist auf dem Familienanwesen, wo sie den Fortgang der Ermittlungen genau im Blick hat.

Anfangs mutmaßt Hercule Poirot: „Sogar Miss Gilchrist hätte vor Mord nicht zurückgeschreckt, wenn sie damit ihren Teesalon zurückgewonnen hätte.“ Doch der Gedanke überdauert nicht lange. In einem Gespräch beichtet ihm Miss Gilchrist von der Panik, die sie auf ihrer neuen Arbeitsstelle befiel. Sie schäme sich deswegen. Ja, ihre Angst sei sehr dumm gewesen. Poirot spricht ihr zu, sie sei gerade von einem heimtückischen Giftanschlag genesen. Ein Verbrecher und Mörder glaube, sie würde etwas wissen, das zu seiner Verhaftung führen könne. Auf Miss Gilchrist Seufzen reagiert der Meisterdetektiv mit Verständnis; er spielt seine Rolle und sie spielt die ihre, doch schwant Poirot noch nichts von seiner Fehleinschätzung. Am Ende des Gesprächs drückt sie ihm förmlich einen roten Hering unter die Nase: Sie erwähnt eine Nonne, die bei ihm Verwirrung stiften soll (das Cover von Fontana Books ziert neben der Axt auch besagte Ordensfrau).

Mithilfe der Opferrolle wickelt Miss Gilchrist das gesamte Personal des Romans um den Finger. Letztlich wird ihr reine Fahrlässigkeit zum Verhängnis, eine unachtsame Geste, ein unachtsamer Satz, was in Agatha Christies Universum die Polizei gern übersieht.

Während Miss Gilchrist die Rolle der Ermordeten Cora spielt, stellt sie eine ihrer Marotten falsch dar. Nämlich Cora Lansquenets vogelartige Kopfhaltung. Die Ermordete pflegte den Kopf nach rechts zu neigen, und Miss Gilchrist legt ihn zur anderen Seite, da sie dieses Verhalten fatalerweise vor dem Spiegel einstudierte. Die einzige Person, die den Fehler bemerkt, wird bald darauf von Miss Gilchrist mit einem Türstopper niedergeschlagen, doch kann sie der Überfall nicht mehr retten. Hercule Poirot zog längst seine Schlüsse, um schließlich vor der gesamten Familie die Mörderin zu demaskieren. Teil seiner Beweisführung ist auch ein Wachsblumenstrauß, der den Übersetzungen ins Deutsche den berühmten Titel verleiht. Selbstredend enthüllt der Meisterdetektiv gegenüber der Familie auch Miss Gilchrists Motivation.

Der Wachsblumenstrauß
Verfilmung „Der Wachsblumenstrauß“, 1963

Sie hatte gehofft, durch die Ermordung der Mitbewohnerin ihren großen Traum noch erfüllen zu können? Eines der wertlosen Bilder, die Cora fleißig auf Trödelmärkten erwarb, entpuppt sich als echter Vermeer. Miss Gilchrist glaubte, das Gemälde sei wenigstens 5000 Pfund wert, eine Summe, mit der sich das Kapital für einen neuen Teesalon stemmen ließe.

Hercule Poirots Beweisführung mündet in einem emotionalen Ausbruch von Miss Gilchrist. Sie meint: „Das war die einzige Chance, die ich je bekommen würde.“ Dann fantasiert sie vor der ganzen Familie, wie sie den Salon gestaltet hätte. Kleine Kamele als Speisenkartenhalter. Hübsches Porzellan – zweite Wahl. Eichentische. Korbstühle mit weiß gestreiften Kissen. Und nicht zum ersten Mal scheint der Salon Wirklichkeit zu werden. Im ersten Drittel des Buches malt sich der Familienanwalt eine Welt aus, in der Hunderte Damen in Teesalons mit Namen wie Bay Tree, Ginger Cat, Blue Parrot, Cosy Corner oder eben Willow Tree arbeiten. Unsere Miss Gilchrist wollte ihren erstarkten Traum allerdings anders nennen: Palm Tree. Ein Salon in einer feinen Gegend, der feine Menschen anziehen würde.

Allein die Fantasie eines solchen Salons beschwört eine Vergangenheit, die zu keiner Zeit existiert hat, aber im Wunschdenken der Menschen existieren könnte – eine Welt, die vor dem Krieg verortet wird und die man nun wie ein von Bomben zerstörtes Anwesen restaurieren möchte. Schiere Nostalgie, süß in der Betrachtung, bitter in der Erkenntnis. Auch Agatha Christies Werke neigen ab Mitte der 1950er Jahre zur Glorifizierung der Vergangenheit oder reagieren auf die Gegenwart bestenfalls mit Kopfschütteln. Für mich ist das Leiden der Miss Gilchrist ein universelles Leiden. Einen lang gehegten Traum einen Traum sein zu lassen, verlangte von ihr eine Kraft, die sie nicht aufbrachte; erst recht nicht angesichts der nahenden Erfüllung. Ihr Traum wog schwerer als das Leben eines anderen Menschen und ihr Scheitern womöglich schwerer als ihr eigener Lebenswille. Diese Tragik macht sie zu einer meiner Lieblingsfiguren.

Im Unterschied zu Miss Gilchrist konnte Agatha Christie nach dem Krieg ihren Traum weiterleben und uns so mit wunderbaren Geschichten versorgen. Eine andere Option hätte für die Queen of Crime garantiert nicht zur Wahl gestanden. Miss Gilchrist letzter Satz lautet denn auch: „Wenn ich den Palm Tree nicht haben kann, ist alles andere relativ gleichgültig.“

 

Quellen:

Agatha Christie, Der Wachsblumenstrauß, Scherz Verlag Neuübersetzung 2000

Agatha Christie, Der Wachsblumenstrauß, Scherz Verlag 1977

Agatha Christie, Die Autobiographie, Atlantik Verlag 2019